29. Juli: Chaos und Religion

Heut mal ein wenig chaotischer, is ziemlich viel los… eigentlich würd ich gern ne Art „Bilanz“ oder n allgemeinen Kommentar formulieren, aber ich fühl mich noch nicht so weit. Kommt die Tage. Auf jeden Fall is wohl ziemlich offensichtlich, dass die Ukraine eigentlich kein Interesse an diesem Konflikt hat und auch gar nicht haben kann, also, ich mein jetzt die ukrainische Gesellschaft.
– und verzeiht, dass das Militärische Überhand bekommt, aber auch in den ukrainischen Medien geht es mittlerweile hauptsächlich um dieses Thema. Seit der Katastrophe mit der MH17 gab es einen qualitativen Sprung in der Hinsicht, hab ich den Eindruck.

Vorab ein kurzes Video aus dem Kessel südlich der von den Rebellen kontrollierten Gebiete bei Lugansk, einfach nur Bilder, ohne Kommentar. Schaut’s euch an.

– das ist südlich von Свердловск (Sverdlovsk), ihr findet es hier auf der Karte ganz rechts

Diese Karten findet ihr übrigens hier: http://mediarnbo.org/ – Link „МАПА: СИТУАЦІЯ НА СХОДІ УКРАЇНИ“
– wobei zu bedenken ist, dass es sich um die offizielle ukrainische Darstellung handelt. In dem zuvor verlinkten Video seht ihr ja, was „unter Kontrolle der ukrainischen Armee“ bedeuten kann… Also, mit Vorsicht zu genießen, die Karten, sind vom Nationalen Rat für Sicherheit und Verteidigung (SNBO).

Aus dieser Gegend sollen auch die ukrainischen Soldaten nach Russland geflohen sein. Ich hab jetzt auch eine Nachricht in ukrainischen Medien dazu gefunden, denn heute sind 41 Soldaten der 51. motorisierten Brigade wieder in die Ukraine zurückgekehrt und werden jetzt der Desertation verdächtigt (wird übrigens mit fünf Jahren Haft geahndet).
http://korrespondent.net/ukraine/3398733-pereshedshykh-v-rossyui-ukraynskykh-voennykh-proveriat-na-dezertyrstvo
– auch Soldaten der 24. Brigade werden der Desertation verdächtigt, konkrete Zahlen oder warum jetzt genau gibt der Artikel jedoch nicht her.

Zwei Soldaten sollen übrigens in Russland geblieben sein und haben die russische Staatsbürgerschaft beantragt.

Im Westen der Ukraine haben Verwandte mal wieder eine Straße blockiert und kilometerlange Staus verursacht. Sie protestieren gegen die Einberufung ihrer Söhne und Ehemänner in die ATO und fordern, dass die Flüchtlinge aus dem Donbass diesen Krieg selber führen sollen (ehrlich, so gibt der Artikel es wieder…)
http://korrespondent.net/ukraine/politics/3398855-na-zakarpate-rodstvennyky-pryzyvnykov-prodolzhauit-blokyrovat-trassu

Die Familien gefallener Soldaten sollen 609.000 Griven bekommen, plus 500.000 Unterstützung für die Beerdigung.
http://korrespondent.net/ukraine/politics/3398876-semiam-pohybshykh-v-ato-obeschauit-vyplatyt-po-609-tysiach-hryven

Der Innenminister Avakov hat angekündigt, 20.000 Milizionäre (auf Deutsch: Polizisten) auszutauschen, um die zu ersetzen, die desertiert haben oder sich sonstwie diskreditiert hätten. Man müsse sich vor Augen führen, dass die zurückeroberten Gebiete „riesige Territorien ohne lokale Regierung und Polizei“ seien.
http://vesti.ua/donbass/63153-avakov-anonsiroval-zamenu-20-tysjacham-milicionerov
– soviel zur „fehlenden lokalen Unterstützung“ der Separatisten… es gab Ende Mai schon die Meldung, dass 17.000 Polizisten die Ukraine „verraten“ und sich den Separatisten angeschlossen hätten. Ganz offiziell, Pressesprecher des Innenministeriums:
http://www.tvn24.pl/msw-ukrainy-w-donbasie-zdradzilo-17-tys-milicjantow,431902,s.html

Und während die holländische Regierung Poroshenko auffordert, die Gefechte um die Absturzstelle einzustellen (wir erinnern uns, er versprach einen 40 km Radius als kampffreie Zone, aktuell gibt es genau dort jedoch eine Offensive)
http://www.afp.com/en/news/dutch-pm-asks-ukraine-stop-fighting-near-crash-site
liest man in den ukrainischen Medien nichts davon, sondern nur, dass die Rebellen der OSZE nicht vertrauen und verhindern wollen, dass sie die Untersuchungen leiten. Sie machen die OSZE verantwortlich für die aktuelle Offensive der ukrainischen Streitkräfte
http://korrespondent.net/ukraine/3398943-v-dnr-khotiat-zapretyt-obse-rassledovat-krushenye-boynha-777

Der sog. „Cyber-Berkut“ attackiert vermehrt ukrainische Webseiten. Die Seite des Präsidenten war heute außer Betrieb, ebenso kurzzeitig das Regierungsportal
http://korrespondent.net/ukraine/politics/3398980-khakery-atakovaly-sait-pravytelstvennoho-portala

Ich müsste jetzt suchen, aber vor Tagen schon hab ich ein Video gesehen mit riesigen Raketen, welche die ukrainische Armee einsetzt. Korrespondent berichtet nicht selbst, sondern zitiert CNN, dass ballistische Kurzstreckenraketen eingesetzt werden
http://korrespondent.net/ukraine/3398997-CNN-ukrayna-yspolzuet-protyv-separatystov-ballystycheskye-rakety
– ich schau nochmal nach dem Video, reich ich nach

„Betrunkene Soldaten“ der regulären Streitkräfte haben einen Nationalgardisten des Bataillons „Donbass“ erschossen, weil er sie daran hindern wollte, Zivilisten zu misshandeln. Meldung vom Kommandierenden von „Donbass“ bestätigt, es sollen insgesamt zwei Nationalgardisten von ukrainischen Soldaten erschossen worden sein.
http://korrespondent.net/ukraine/3398957-ukraynskye-soldaty-zastrelyly-boitsa-batalona-donbass

Wie zu erwarten war, ist die Industrieproduktion der Ukraine gefallen. Jedoch nicht nur im Donbass, wo Krieg ist, sondern im ganzen Land
http://korrespondent.net/business/economics/3398729-korrespondent-perspektyva-v-tumane-chto-ozhydaet-promyshlennost-donbassa-posle-ato
– wenn ihr im Link ein wenig runtersrollt, seht ihr ne Karte. Donbass -12,3%, und Kiev -12,8%, zum Beispiel.

Ein „grüner Korridor“ für das Koks-Chemie-Werk in Avdeevka wurde heute morgen um 10:52 eingerichtet, um die Energiezufuhr wieder herzustellen
http://korrespondent.net/ukraine/politics/3398766-v-avdeevke-nachaly-vosstanavlyvat-elektrosnabzhenye-koksokhymycheskoho-zavoda
– um 19:29 meldet korrespondent.net, dass die Energieversorgung wiederhergestellt ist
http://korrespondent.net/ukraine/politics/3398966-avdeevskyi-koksokhym-podkluichyly-k-elektrosnabzhenyui

Hingegen soll in Gorlovka das Chemie-Werk „Styrol“ in Flammen stehen
http://korrespondent.net/ukraine/events/3398727-horlovskyi-khymzavod-styrol-zavolokly-kluby-dyma
– in den Kommentaren wird darauf aufmerksam gemacht, dass das auch Rauch oder Dampf aus Produktionsprozessen sein könnte, einer meint, er hätte eine Bekannte von dort angerufen und es sei alles okay… Bisher keine Bestätigung.

Fakt ist, dass Gorlovka seit Tagen unter Artillerie-Beschuss steht, allein heute bisher vier tote und 23 verwundete Zivilist_innen gemeldet (heute Mittag, keine neue Meldung dazu um 21 uhr)
http://korrespondent.net/ukraine/3398857-v-rezultate-obstrela-v-horlovke-pohybly-chetvero-myrnykh-hrazhdan
– da war ja auch der gestrige Link mit den krassen Fotos her.
Hier Bilder von einer ziemlich frei stehenden Kirche samt angrenzenden Spielplatz (4 Videos und 5 Fotos, nichts blutiges)
http://www.novorosinform.org/news/id/4504
– die war heute beschossen worden. Vorgestern schon traf es eine andere Kirche mit angrenzendem Krankenhaus (letztes Video, letzten drei Fotos)

 

RELIGION

Erwähnenswert ist vielleicht, dass viele ukrainische Nationalisten aus der Westukraine der griechisch-katholischen Kirche angehören

Zum Vergleich, hier nochmal die Wahlergebnisse der Svoboda:

Das deckt sich nicht zufällig. Ich glaub zwar nicht, dass es eine bedeutende Rolle spielt, aber ich weiß es nicht… Öffentlich jedenfalls wird es so gut wie nie thematisiert.
Ich hab zwar ein paar mal den Ausdruck „pravoslavnaya suka“ (orthodoxe Schlampe) gehört, aber eigentlich nur von Musichko, der kurz nach dem Sieg des Maidans erschossen wurde – wahrscheinlich von seinen eigenen Leuten, war wohl schlecht für’s Image (das ist der, der mit der Kalasch im Parlament für „Ruhe und Ordnung“ gesorgt hat und diesen Staatsanwalt vor laufender Kamera geschlagen hat)(nicht in Kiev, in Rivne).
Auch meint Sergei, dass eine „Rückbesinnung“ zum Glauben eine immer stärkere Rolle spiele – aber im Netz finde ich keine Anhaltspunkte dafür. Auch wird der Beschuss von Kirchen nicht so gedeutet, also von den Rebellen jetzt, dass da die „griechisch-katholischen Nazis“ bewusst die Kirchen der russisch-orthodoxen zerstören würden… Zumindest hab ich so etwas nicht mitgekriegt.

Mitbedenken sollte man so was aber schon, finde ich, zumindest im Hinterkopf, denn ganz bedeutungslos wird es nicht sein, zumal ich hin und wieder Anschuldigungen gegenüber Geistlichen des Moskauer Patriarchats lese, sie würden agitieren (hab einen Artikel mit so einer Bemerkung vor kurzem verlinkt, ging um Odessa).

Ein paar Karten zur Veranschaulichung, oben waren ja schon die griechisch-katholischen, hier die Verteilung der Gläubigen des Moskauer Patriarchats

Kiever Patriarchat

Autokephale Kirche

Insgesamt ist der Nationalismus zwar eher sekulärer Natur, aber vereinzelt spielt Religion durchaus eine Rolle. Eine Gründungsorganisation des Rechten Sektors ist die Vereinigung Dreizack (beiden steht Dmitro Yarosh vor) und diese Organisation ist betont christlich, erinnert stark an die US-amerikanischen rechten Christen. Dmitro Yarosh selbst ist griechisch-katholisch getauft und betont seine Gläubigkeit nicht selten. Hebt dabei aber nicht seine konkrete Konfession hervor.
http://en.wikipedia.org/wiki/Tryzub_%28organization%29
– da steht nicht viel, der russische Eintrag ist wesentlich informativer. Da hab ich auch die Info her, dass Yarosh griechisch-katholisch ist, die deutsche und englische wiki sind da zwar oft lesenswert, aber weniger informativ.
http://en.wikipedia.org/wiki/Dmytro_Yarosh

Bei den Rebellen hingegen gibt es die „Russkaya Pravoslavnaya“-Miliz, welche vor allem aufgrund diverser Hip-Hop-Songs relativ bekannt geworden ist
https://www.youtube.com/watch?v=WIi7cBloy60 (der wohl bekannteste Song)
– und die sollen relativ zahlreich sein… keine Ahnung.

 

sonstiges

Kurz noch n Video, wo n deutscher OSZE-Mann mit gefangenen ukrainischen Soldaten spricht

– am ende stellt sich heraus, dass n anderer Deutscher auf seiten der Rebellen mitkämpft…

US-amerikanische Militärs sind seit kurzem in Moldavien aktiv und schulen die dortigen Soldaten

Und abschließend noch eine aktuelle Leser-Diskussion aus Kharkov
http://www.057.ua/news/585664
Vorgestern Nacht wurde eine Filiale der Privat-Bank (Kolomoiski) in Kharkov beschossen, unter anderem wurde eine nicht explodierte Granate gefunden.
– die Diskussion der Leser_innen ist krass gegen die derzeitige Ukraine gestimmt. Auffällig krass…

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